
Eine SWP-Studie argumentiert, dass Europa in der Lage sein muss, mit, ohne und notfalls auch gegen Washington zu handeln. Deutschland und Europa sind in kritischen Technologiebereichen massiv von US-Anbietern abhängig. Während die Trump-Administration bereits Druck auf europäische Regulierungen ausübt, zeigen Sicherheitsexperten Szenarien, in denen Washington seine technologische Vormachtstellung als politisches Druckmittel einsetzt. Die Analyse skizziert konkrete Verteidigungsstrategien für den Ernstfall.
Technologische Abhängigkeit als Risikofaktor
Die USA dominieren zentrale Technologiesektoren: Internettechnologien, Cloud-Infrastrukturen, Betriebssysteme für mobile Geräte, Social-Media-Netzwerke und Künstliche Intelligenz. Während die USA Technologie als strategische Machtressource begreifen, folgte Europa dem wirtschaftsliberalen Ideal globalisierter Arbeitsteilung. Kritische Technologien wurden importiert statt selbst entwickelt. Europas Wohlstand, Sicherheit und demokratische Systeme hängen mittlerweile substantiell von US-Technologie ab.
Mit Trumps zweiter Amtszeit wird das Risiko greifbar. Die neue Administration setzt auf eine Allianz mit Technologiekonzernen: Die Unternehmen zeigen Loyalität und erhalten Deregulierung im Inland sowie Unterstützung ihrer Interessen im Ausland.
Druck auf europäische Digitalregulierung
Washington interveniert bereits, um europäische Regulierungsvorhaben zu blockieren. Die US-Regierung drängt Brüssel, die Durchsetzung des Digital Services Act, des Digital Markets Act und des AI Act aufzugeben. Begründung: Diese Regelwerke stellten nichttarifäre Handelshemmnisse dar.
Beim Umgang mit Desinformation zeichnet sich ein weiteres Konfliktfeld ab. Während Europa auf Kooperation mit Plattformen setzt, wertet die Trump-Administration Maßnahmen gegen Desinformation als unzulässige Zensur. Angesichts bevorstehender Wahlen in Europa steht die Integrität demokratischer Prozesse auf dem Spiel.
Szenarien der technologischen Erpressung
Sicherheitsexperten entwickeln Szenarien, wie die Trump-Administration Europas technologische Vulnerabilität nutzen könnte. Die SWP-Studie argumentiert, dass Washington dabei hybrid vorgehen könnte: Europas Verwundbarkeit demonstrieren, ohne dies als offenen Konflikt zu deklarieren.
Ein mögliches Szenario: Die US-Administration fordert europäische Truppen zur Absicherung eines von Trump mit Putin ausgehandelten Ukraine-Abkommens. Europa lehnt ab. Deutsche Bundesbehörden verlieren den Zugriff auf cloudbasierte Anwendungen. Die Automobilindustrie muss die Produktion drosseln. Eine Desinformationskampagne in sozialen Medien schreibt die Probleme angeblichen Fehlern der Bundesregierung zu. Die Trump-Administration macht über diplomatische Kanäle deutlich: Weitere Einschränkungen folgen, falls Europa nicht einlenkt.
Kurzfristige Schutzmaßnahmen
Entscheidungsträger sollten Optionen identifizieren, die kurzfristig verfügbar sind. Priorität hat die Sicherung der Resilienz und Handlungsfähigkeit Europas:
Europäische Regierungen sollten großzügige Cybersicherheitsbudgets bereitstellen und analoge Rückfalloptionen planen. Die Kommission sollte Ressourcen schaffen, um das Geschehen auf US-Plattformen engmaschig zu verfolgen und Plattformen bei Verstößen schnell zu sanktionieren. Um die Unabhängigkeit der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers zu sichern, sollte deren Hauptsitz von Kalifornien an einen Standort außerhalb der US-Gerichtsbarkeit verlegt werden.
Europas Druckinstrumente
Europäische Regierungen verfügen über Handlungsoptionen, um im Konfliktfall Gegendruck auszuüben: Offensive Anwerbung von Fachkräften aus den USA, Einschränkung des Marktzugangs für US-Streaming-Anbieter, Kündigung öffentlicher Verträge mit US-Technologieunternehmen, EU-weite Digitalsteuer, Treuhandverwaltung europäischer Teile von US-Unternehmen oder Exportkontrollen im Halbleiterbereich.
Konsequenzen
Erhebliche Konflikte im transatlantischen Verhältnis um Technologiepolitik lassen sich nicht mehr ausschließen. Weil Wohlfahrt, Sicherheit und Demokratie Europas auf dem Spiel stehen, sollten sich Entscheidungsträger auf solche Szenarien vorbereiten. Die Maßnahmen müssen gut vorbereitet und mit ausreichenden Ressourcen unterlegt sein, um dem erwartbaren Widerstand aus Washington standzuhalten. Langfristig müssen sich Entscheidungsträger die Frage stellen, ob die technologische Abhängigkeit von den USA noch vorteilhaft ist.
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