
Der australische Logistiksoftware-Anbieter WiseTech Global will in den kommenden zwei Jahren rund 2.000 der weltweit 7.000 Stellen abbauen. Der Konzern reagiert damit auf einen tiefgreifenden Wandel in der Softwareentwicklung, den Künstliche Intelligenz vorantreibt.
Strukturwandel statt Sparmaßnahme
Die Ankündigung vom Mittwoch zählt zu den umfangreichsten KI-bedingten Personalentscheidungen in der australischen Unternehmensgeschichte. CEO Zubin Appoo machte deutlich, dass manuelles Programmieren als Kerntätigkeit von Entwicklern an Bedeutung verliere. KI solle nicht nur Routineaufgaben übernehmen, sondern tief in die Softwarearchitektur und internen Prozesse des Unternehmens eingebettet werden.
Der Abbau beginnt im zweiten Halbjahr 2026 und erstreckt sich bis 2027. Am stärksten betroffen sind Produkt- und Entwicklungsteams sowie der Kundenservice – einzelne Abteilungen sollen um bis zu 50 Prozent verkleinert werden. Auch bei der US-amerikanischen Tochtergesellschaft e2open, der bislang größten Akquisition des Konzerns, werden Stellen gestrichen. Eine konzerninterne Versetzung der betroffenen Mitarbeitenden ist nicht vorgesehen.
Die Unternehmensführung betont ausdrücklich, es handle sich nicht um eine konjunkturelle Maßnahme, sondern um eine strukturelle Neuausrichtung, die langfristige Wettbewerbsfähigkeit sichern solle.
KI als Kernbestandteil der Plattformstrategie
Im Mittelpunkt der Transformation steht die Flaggschiff-Plattform CargoWise, die nach Unternehmensangaben von mehr als 17.000 Logistikunternehmen weltweit eingesetzt wird. KI-Agenten sollen direkt in die Plattform integriert werden, um das branchenspezifische Datenpotenzial effizienter auszuschöpfen und neue Automatisierungsgrade im globalen Handel zu erreichen.
Das Unternehmen nennt als Beispiel, dass Projekte, für die bislang bis zu sechs Monate veranschlagt wurden, künftig innerhalb eines Tages abgeschlossen werden könnten. KI wird damit zur zentralen Größe der Produktstrategie – nicht als ergänzendes Feature, sondern als strukturgebendes Element.
Umsatzwachstum trotz gesunkenem Nettogewinn
Parallel zur Stellenabbau-Ankündigung veröffentlichte WiseTech die Zahlen für das erste Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres. Der Umsatz stieg um 76 Prozent auf 951 Millionen australische Dollar. Der Nettogewinn hingegen sank um 36 Prozent auf 68,1 Millionen US-Dollar – belastet vor allem durch Integrationskosten der e2open-Übernahme.
Die Reaktion an der Börse fiel positiv aus: Die Aktie legte nach der Ankündigung um bis zu 11 Prozent zu. Offenbar werteten Investoren den Umbau als Zeichen strategischer Entschlossenheit. Zuvor hatte die Sorge bestanden, KI-Fortschritte könnten die eigenen Produkte unter Druck bringen – die Ankündigung scheint diesen Bedenken entgegenzuwirken.
Branchentrend mit Signalwirkung
WiseTech steht mit diesem Kurs nicht allein. Technologieunternehmen weltweit ersetzen zunehmend manuelle Entwicklungs- und Supportprozesse durch KI-gestützte Systeme. In Australien hat die Commonwealth Bank bereits vergleichbare Maßnahmen angekündigt.
Branchenbeobachter sehen darin einen Paradigmenwechsel:
KI entwickelt sich vom Hilfsmittel zur zentralen Planungsgröße im Personalbereich.
Gefragt sind künftig vor allem Kompetenzen in der Steuerung und Auswertung von KI-Systemen – klassische Programmieraufgaben verlieren dagegen an Gewicht. Für WiseTech markiert die laufende Transformation einen Einschnitt, der die Unternehmensstruktur in den kommenden Jahren grundlegend prägen wird.
„Die Softwareentwicklung hat den bedeutendsten Wandel seit Jahrzehnten erlebt“, sagte Zubin Appoo, Chief Executive Officer von WiseTech. Die vollständige Ansprache können Sie unter folgendem Link sehen und hören: https://www.wisetechglobal.com/news/1h26-results-briefing-presentation-ai-generated-avatars/
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