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Raus aus der Cloud-Falle: Warum digitale Unabhängigkeit jetzt zur Überlebensfrage wird

5. August 2025

Globale Spannungen, wachsende Cyberbedrohungen und neue gesetzliche Rahmenbedingungen verändern die Anforderungen an Unternehmens-IT radikal. Wer heute auf einseitige Cloud-Strategien setzt, riskiert nicht nur Compliance-Verstöße, sondern auch den Verlust der digitalen Handlungsfähigkeit. Die jahrelang gewachsene Abhängigkeit von internationalen Hyperscalern erkennen immer mehr Unternehmen als strukturelles Risiko – denn selbst in der EU gehostete Daten sind nicht zwangsläufig vor dem Zugriff ausländischer Behörden sicher.

Der US Cloud Act etwa erlaubt amerikanischen Behörden den Zugriff auf Daten von US-Anbietern – unabhängig vom Serverstandort. Hinzu kommen steigende Anforderungen an Datenkontrolle und Nachvollziehbarkeit durch die DSGVO. Diese Gemengelage führt zu einem Umdenken: Unternehmen erkennen, dass digitale Souveränität kein Ideal mehr ist, sondern sich zum geschäftskritischen Faktor entwickelt.

Rechtliche Unsicherheiten mit realen Folgen

Die regulatorischen Risiken der US-Clouds sind nicht rein theoretisch. Bereits einfache Cloud-Anwendungen können für Unternehmen eine Compliance-Falle darstellen, wenn sie personenbezogene Daten enthalten oder mit kritischen Infrastrukturen arbeiten. Der Zugriff Dritter auf sensible Informationen lässt sich kaum vollständig ausschließen. Das gilt insbesondere, wenn Anbieter aus Drittstaaten involviert sind.

Laut einer aktuellen WIK-Studie halten 82 Prozent der befragten deutschen KMU digitale Souveränität für einen zentralen Erfolgsfaktor. Doch nur etwa die Hälfte fühlt sich dazu technisch und organisatorisch überhaupt in der Lage. Die Kluft zwischen Anspruch und Realität birgt erhebliche Risiken. Sie lähmt Innovationsfähigkeit, erhöht das Risiko für Cyber-Attacken und macht Unternehmen rechtlich sowie strategisch angreifbar.

Was bedeutet digitale Unabhängigkeit konkret?

Digitale Souveränität umfasst mehr als nur den physischen Speicherort von Daten. Es geht um Selbstbestimmung in allen Bereichen: über Datenflüsse, Zugriffskontrollen, Schnittstellen, Anbieterwahl und Governance-Strukturen. Nur wer die Kontrolle über Infrastruktur und Software behält, kann auch langfristig Vertrauen, Sicherheit und Resilienz gewährleisten.

Auch die Politik fordert ein Umdenken: Der EU-Wirtschafts- und Sozialausschuss (EESC) spricht sich klar für Investitionen in europäische IT-Kompetenz, Datenplattformen und unabhängige Infrastruktur aus. Der European Council on Foreign Relations (ECFR) warnt davor, Cloud-Dominanz als bloßen Kostenfaktor zu unterschätzen und fordert eine klare Strategie für europäische digitale Selbstbestimmung.

Herausforderungen und Stolpersteine

Der Weg aus der Abhängigkeit ist anspruchsvoll. Der Wechsel von etablierten Cloud-Diensten hin zu souveränen Alternativen erfordert nicht nur technisches Know-how, sondern auch ein Umdenken im IT-Management. Viele Unternehmen müssen zunächst herausfinden, welche Daten tatsächlich kritisch sind, welche Alternativen zur Verfügung stehen und wie sich neue Lösungen wirtschaftlich abbilden lassen. Der Eigenbetrieb souveräner Infrastrukturen ist komplex: Themen wie Monitoring, Verschlüsselung, Rechtevergabe und physische Sicherheit gewinnen an Relevanz.

Ein Balanceakt zwischen Skalierbarkeit und Kontrolle entsteht. Hier hilft eine nüchterne Analyse: Welche Systeme lassen sich gut lokal oder hybrid betreiben? Wo ist der Verzicht auf Hyperscaler realistisch und praktikabel?

Praxisnahe Lösungswege für digitale Souveränität

Die gute Nachricht: Es gibt Alternativen und sie entwickeln sich aktuell rasch weiter. Eine Vielzahl europäischer Anbieter hat sich auf souveräne Cloud-Lösungen spezialisiert. Die Vorteile für Unternehmen: Mit lokalen Rechenzentren bieten diese maximale Datenhoheit und hohe Verfügbarkeit. Hybride Cloud-Architekturen verbinden Flexibilität mit Compliance-Vorgaben. Open-Source-basierte Angebote schaffen Transparenz und reduzieren die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern. Bei zertifizierten europäischen Dienstleistern profitieren Unternehmen zudem von Datenschutzkonformität, geografischer Nähe und einer engen Abstimmung mit dem Anbieter.

Auf politischer Ebene setzt die EU zunehmend auf digitale Eigenständigkeit. Das Projekt Gaia-X verfolgt das Ziel, eine europäische Cloud-Infrastruktur zu schaffen, die auf offenen Standards basiert. Trotz Kritik an Governance-Strukturen und Beteiligung internationaler Unternehmen ist Gaia-X ein Signal für den politischen Willen zur digitalen Eigenständigkeit.

Ein weiteres Beispiel: DNS4EU, ein von der EU initiierter DNS-Dienst, der vollständig innerhalb Europas betrieben wird. Symbolisch zeigt er: Digitale Souveränität beginnt bei der Infrastruktur.

Fazit: Digitale Souveränität ist umsetzbar

Geopolitische Veränderungen unterstreichen den akuten Handlungsbedarf beim Thema digitale Souveränität. Unternehmen, die heute bewusst in unabhängige Infrastrukturen investieren, sichern sich nicht nur gegen geopolitische Risiken ab, sondern schaffen auch eine verlässliche Basis für Innovation, Datenschutz und wirtschaftliche Resilienz. Der Ausstieg aus der Cloud-Abhängigkeit ist ein Prozess. Der erste Schritt sollte dabei eine klare Entscheidung für Datenhoheit, Transparenz und echte Unabhängigkeit im digitalen Raum sein.

Autor: Daniel Görtz, IT-Beater, NOVAGO GmbH & Co. KG

Autorenprofil: Daniel Görtz

Seit über 25 Jahren unterstützt Daniel Görtz Unternehmen als IT-Dienstleister – technikaffin, menschenorientiert und mit einem feinen Gespür für Sicherheit und Datenschutz. Als Übersetzer zwischen Mensch und Maschine sind Technik, Kommunikation und digitale Visionen seine Welt. Begeistert ist er außerdem von allem, was sich wirklich durchdringen lässt: von Cloud-Infrastrukturen bis Science-Fiction.  

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