
Unterseekabel, die das Rückgrat des weltweiten Internets bilden, geraten zunehmend in den Fokus der internationalen Sicherheitspolitik. Trotz ihrer wachsenden Bedeutung als kritische Infrastruktur fehlte bislang eine fundierte Analyse der Schutzmechanismen gegen Ausfälle oder Angriffe. Eine neue Studie des United Nations Institute for Disarmament Research (UNIDIR), unter Mitwirkung von Jonas Franken, Wissenschaftler am Forschungszentrum ATHENE und der TU Darmstadt, schließt nun diese Lücke.
Der Bericht präsentiert ein Resilienzmodell, das staatliche Maßnahmen zum Schutz von Unterseekabeln systematisch einordnet. Es bietet Regierungen und Netzbetreibern eine strukturierte Orientierung, um die eigene Vorbereitung auf Störungen zu bewerten und gezielt auszubauen. Schwachstellen lassen sich dadurch besser identifizieren und durch passende Schutzmaßnahmen adressieren.
Die Studie soll nicht nur als Analyseinstrument dienen, sondern auch die internationale Diskussion über Standards und Zusammenarbeit beim Schutz dieser hochsensiblen Infrastruktur voranbringen.
Die Studie „Achieving Depth“ ist hier erhältlich: https://unidir.org/publication/achieving-depth-subsea-telecommunications-cables-as-critical-infrastructure/.
Unterseekabel übermitteln fast 99 Prozent des weltweiten Datenverkehrs zwischen Kontinenten, schnelle und zuverlässige Internetverbindungen hängen von ihnen ab. Die Kabel werden oft beschädigt, versehentlich durch Fischernetze, Schiffsanker, häufig aber auch durch gezielte Sabotageakte, wie in der Ostsee vermutet. Um diese Kabel besser schützen zu können, stufen immer mehr Staaten diese Kabel als kritische Infrastruktur (KRITIS) ein. Die Studie des UNIDIR „Achieving Depth – Subsea Telecommunications Cables as Critical Infrastructure“ zeigt, wie Staaten Seekabel als KRITIS einstufen können und was diese Einstufung in der Praxis bedeutet. Sie wurde unter anderem von ATHENE-Wissenschaftler Jonas Franken von der TU Darmstadt verfasst.
Drei Kategorien für den Seekabel-Schutz
Für die Studie wurden weltweit spezifische Schutzmaßnahmen unterschiedlicher Länder gesammelt und hieraus ein Resilienzmodell entwickelt, das Schutzmaßnahmen in drei Kategorien einteilt. Die erste ist die absorptive Kapazität, also wie gut das Schutzsystem Schäden vorbeugt. Australien beispielsweise hat ein präventives Genehmigungssystem für das Verlegen von Unterseekabeln. Kabel dürfen nur in bestimmten geschützten Zonen anlanden, was Risiken durch Fischerei oder Schifffahrt stark reduziert. Frankreich hat eine zentrale Cybersicherheitsstelle, die kritische Infrastrukturen überwacht, wozu auch das Monitoring von Seekabeln und die Koordinierung mit dem Militär gehört.
Die zweite Kategorie ist die wiederherstellende Kapazität, das heißt wie schnell und effektiv ein zerstörtes Seekabel repariert werden kann. In Japan wurden nach dem schweren Seebeben, das 2011 zu einem Tsunami in Fukushima führte, auch mehrere Seekabel zerstört. Mittels regionaler Koordination der Kabelschiffe und Abkommen mit internationalen Firmen war eine schnelle Reparatur dieser Schäden möglich. Ein anderes Beispiel ist Singapur, hier sind viele redundante Kabel verlegt. Fällt eines aus, wird der Datenverkehr automatisch über andere Kabel umgeleitet.
Die dritte Kategorie umfasst adaptive Kapazitäten, also wie schnell man aus den Vorfällen lernt und neue Regeln oder Technologien zum besseren Schutz einführt. Beispielhaft ist in der Studie die EU angeführt, die nach mehreren Störfällen, u.a. in der Ostsee, ihre Strategien angepasst und die NIS2-Richtlinie, ein Cyberresilienzgesetz und gemeinsame Risikoanalysen eingeführt hat. Außerdem entstehen neue Plattformen zur Koordination zwischen Ländern und Betreibern von Seekabel-Infrastruktur. Das Vereinigte Königreich beispielsweise entwickelt seit dem Brexit eigene Kabelschutzrichtlinien und fördert neue Technologien wie Tiefsee-Sensoren, um Angriffe oder Störfälle so früh wie möglich zu erkennen.
Seekabel systematisch stärken
Ziel dieser systematisierten Erfassung ist es, Seekabel-Infrastrukturen international sicherer und robuster gegen Ausfälle zu machen. Das Modell hilft Staaten und Betreibern, Schwachstellen zu erkennen und Maßnahmen zu ergänzen. Damit stellt die Studie einen wichtigen Schritt zu einer umfassenden „Cable Security Toolbox“ dar, wie sie u.a. von der Europäischen Union gefordert wird. Darüber hinaus enthält die Studie allgemeine Empfehlungen, wie Seekabel sicherer gemacht werden können.
Die Studie kann hier heruntergeladen werden: https://unidir.org/publication/achieving-depth-subsea-telecommunications-cables-as-critical-infrastructure/.
Mehr Informationen zur ATHENE-Forschung zu diesem Thema unter https://www.athene-center.de/think-tank/sicherheitsrisiken-unterseekabel.
Über ATHENE
ATHENE ist ein Forschungszentrum der Fraunhofer-Gesellschaft unter Mitwirkung der Fraunhofer-Institute SIT und IGD sowie der Hochschulen TU Darmstadt, Goethe-Universität Frankfurt am Main und Hochschule Darmstadt. Es wird seit 2019 vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) und dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur (HMWK) gefördert. ATHENE ist heute das größte und erfolgreichste Forschungszentrum für Cybersicherheit in Europa und betreibt missionsorientierte Spitzenforschung, die auf effizienten Wissenstransfer und schnelle Nutzung von Forschungsergebnissen ausgerichtet ist.
Mehr zum Thema – Unsere Empfehlungen
Bild/Quelle: https://depositphotos.com/de/home.html
Fachartikel

Wenn Angreifer selbst zum Ziel werden: Wie Forscher eine Infostealer-Infrastruktur kompromittierten

Mehr Gesetze, mehr Druck: Was bei NIS2, CRA, DORA & Co. am Ende zählt

WinDbg-UI blockiert beim Kopieren: Ursachenforschung führt zu Zwischenablage-Deadlock in virtuellen Umgebungen

RISE with SAP: Wie Sicherheitsmaßnahmen den Return on Investment sichern

Jailbreaking: Die unterschätzte Sicherheitslücke moderner KI-Systeme
Studien

Deutsche Unicorn-Gründer bevorzugen zunehmend den Standort Deutschland

IT-Modernisierung entscheidet über KI-Erfolg und Cybersicherheit

Neue ISACA-Studie: Datenschutzbudgets werden trotz steigender Risiken voraussichtlich schrumpfen

Cybersecurity-Jahresrückblick: Wie KI-Agenten und OAuth-Lücken die Bedrohungslandschaft 2025 veränderten
![Featured image for “Phishing-Studie deckt auf: [EXTERN]-Markierung schützt Klinikpersonal kaum”](https://www.all-about-security.de/wp-content/uploads/2025/12/phishing-4.jpg)
Phishing-Studie deckt auf: [EXTERN]-Markierung schützt Klinikpersonal kaum
Whitepaper

ETSI veröffentlicht weltweit führenden Standard für die Sicherung von KI

Allianz Risk Barometer 2026: Cyberrisiken führen das Ranking an, KI rückt auf Platz zwei vor

Cybersecurity-Jahresrückblick: Wie KI-Agenten und OAuth-Lücken die Bedrohungslandschaft 2025 veränderten

NIS2-Richtlinie im Gesundheitswesen: Praxisleitfaden für die Geschäftsführung

Datenschutzkonformer KI-Einsatz in Bundesbehörden: Neue Handreichung gibt Orientierung
Hamsterrad-Rebell

Cyberversicherung ohne Datenbasis? Warum CIOs und CISOs jetzt auf quantifizierbare Risikomodelle setzen müssen

Identity Security Posture Management (ISPM): Rettung oder Hype?

Platform Security: Warum ERP-Systeme besondere Sicherheitsmaßnahmen erfordern

Daten in eigener Hand: Europas Souveränität im Fokus







