
Geopolitische Spannungen, digitale Abhängigkeiten und Klimarisiken rücken sogenannte Black-Swan-Ereignisse stärker in den Fokus von Unternehmen. Eine aktuelle Auswertung des Allianz Risk Barometer zeigt, welche Szenarien Führungskräfte weltweit für besonders plausibel halten – und warum sich große und kleine Unternehmen dabei deutlich unterscheiden.
Black-Swan-Ereignisse sind per Definition nicht vorhersehbar – und genau das macht sie so folgenreich. Gemeint sind damit unerwartete Vorfälle, die massive wirtschaftliche und gesellschaftliche Verwerfungen auslösen und deren Tragweite erst im Nachhinein vollständig sichtbar wird. Die Terroranschläge vom 11. September 2001, die globale Finanzkrise 2008 und die Covid-19-Pandemie gelten als prägende Beispiele dieser Kategorie.
Allein die Pandemie hinterließ laut Berechnungen von Allianz Research zwischen 2020 und 2023 weltweit kumulierte BIP-Verluste von rund 12 Billionen US-Dollar. Neben den unmittelbaren finanziellen Schäden lösen solche Ereignisse regelmäßig tiefgreifende geopolitische und gesellschaftliche Verschiebungen aus, deren Nachwirkungen oft weit über das ursprüngliche Ereignis hinausreichen.
Vor diesem Hintergrund hat Allianz Research eine neue Analyse auf Basis des jährlichen Allianz Risk Barometer veröffentlicht. Mehr als 3.300 Unternehmensverantwortliche aus verschiedenen Branchen und Regionen wurden dabei befragt, welche Black-Swan-Szenarien sie für ihr Unternehmen in den kommenden fünf Jahren für am plausibelsten halten.
Lieferkette und Internet: Die meistgenannten Bedrohungsszenarien
An der Spitze der Ergebnisse steht ein Szenario, das die aktuellen geopolitischen Entwicklungen unmittelbar widerspiegelt: 51 % der Befragten halten eine weltweite Lähmung der Lieferketten infolge eines geopolitischen Konflikts für das plausibelste Black-Swan-Risiko der nächsten fünf Jahre. Gemeint ist damit eine Situation, in der der internationale Transport von Waren und Rohstoffen großflächig zum Erliegen kommt.
Knapp dahinter folgt mit 47 % die Sorge vor einem weltweiten Internetausfall. Dieses Ergebnis verdeutlicht, wie stark das Bewusstsein für digitale Abhängigkeiten und Cyber-Risiken in den Führungsetagen inzwischen verankert ist – und wie sehr die globale Wirtschaft auf eine funktionierende digitale Infrastruktur angewiesen ist.
Die weiteren Szenarien im Überblick:
- Zusammenbruch einer großen Finanzinstitution oder eine Staatsschuldenkrise, die eine globale Liquiditätskrise und starke Marktschwankungen auslöst: 30 %
- Massensoziale Unruhen und politische Instabilität: 29 % weltweit – in einigen Regionen deutlich höher (Amerika: 31 %, Afrika und Naher Osten: 41 %, Frankreich: 42 %)
- Gleichzeitige Klimakatastrophe und Stromausfall, etwa ausgelöst durch extreme Hitzewellen und großflächige Waldbrände: vor allem bei großen Unternehmen ein zentrales Thema
Graik Quelle: Allianz
Graik Quelle: Allianz
Geopolitik als zentraler Risikotreiber
Dass die Lähmung globaler Lieferketten an erster Stelle steht, überrascht angesichts des aktuellen geopolitischen Umfelds kaum. Handelskonflikte, Zollstreitigkeiten und protektionistische Tendenzen prägen das internationale Wirtschaftsgeschehen ebenso wie die anhaltenden Konflikte im Nahen Osten und zwischen Russland und der Ukraine, die den Schiffs- und Warenverkehr auf wichtigen Routen immer wieder beeinträchtigen.
Allianz Research schätzt, dass eine globale Lieferkettenunterbrechung in der Größenordnung des Ukraine-Krieges innerhalb von zwei Jahren kumulierte BIP-Verluste von rund 1,5 Billionen US-Dollar verursachen könnte – eine Zahl, die das wirtschaftliche Gewicht dieses Szenarios unterstreicht.
Erschwerend hinzu kommt eine strukturelle Entwicklung: Die Weltwirtschaft ist in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend von einer begrenzten Zahl hochspezialisierter Anbieter abhängig geworden. Ob Halbleiter, Seltenerdmetalle, KI-Infrastruktur oder digitale Dienste – eine Konzentration auf wenige Schlüssellieferanten erhöht die Anfälligkeit globaler Wertschöpfungsketten erheblich. Hinzu kommt die enge Verflechtung physischer und digitaler Lieferketten: Störungen breiten sich heute schneller aus und können Kaskadeneffekte auslösen, die einzelne Unternehmen oder ganze Branchen in Mitleidenschaft ziehen.
Unterschiedliche Risikowahrnehmung je nach Unternehmensgröße
Ein aufschlussreicher Befund der Analyse betrifft die unterschiedliche Risikowahrnehmung zwischen großen, mittelständischen und kleineren Unternehmen. Während die Sorge vor einer globalen Lieferkettenlähmung branchenübergreifend verbreitet ist, divergieren die nachfolgenden Prioritäten teils deutlich.
Große Unternehmen (> 500 Mio. USD Jahresumsatz):
- Platz 1: Globale Lieferkettenlähmung (55 %)
- Platz 2: Weltweiter Internetausfall
- Platz 3: Gleichzeitige Klimakatastrophe und Stromausfall
Mittelständische Unternehmen (100–500 Mio. USD):
- Platz 1: Globale Lieferkettenlähmung (52 %)
- Platz 2: Weltweiter Internetausfall
- Platz 3: Zusammenbruch einer großen Finanzinstitution oder Staatsschuldenkrise
Kleine Unternehmen (< 100 Mio. USD):
- Platz 1: Weltweiter Internetausfall (45 %)
- Platz 2: Globale Lieferkettenlähmung
- Platz 3: Zusammenbruch einer großen Finanzinstitution oder Staatsschuldenkrise
Besonders auffällig ist, dass kleinere Unternehmen einen Internetausfall als ihre größte Bedrohung einordnen – während er bei mittelgroßen und großen Unternehmen jeweils nur auf Platz zwei landet. Der Grund dafür liegt in der unterschiedlichen Ressourcenausstattung: Große und mittelständische Unternehmen verfügen in der Regel über spezialisierte IT- und Cybersicherheitsabteilungen sowie stärker diversifizierte Strukturen, die sie widerstandsfähiger gegenüber digitalen Ausfällen machen. Kleinere Betriebe hingegen sind bei längeren digitalen oder betrieblichen Störungen deutlich exponierter, da ihnen sowohl das Fachpersonal als auch die finanziellen Mittel für entsprechende Präventionsmaßnahmen fehlen.
Resilienz als strategische Antwort – aber keine Vollkasko
Experten sind sich einig: Eine vollständige Absicherung gegen Black-Swan-Ereignisse ist weder möglich noch realistisch. Dennoch lassen sich durch gezielte Maßnahmen Handlungsspielräume schaffen und Folgeschäden begrenzen. Als besonders wirksam gelten dabei:
- Organisatorische Agilität: Strukturen und Prozesse so gestalten, dass schnelle Anpassungen möglich sind
- Risikobewusste Unternehmenskultur: Sensibilisierung auf allen Ebenen für mögliche Szenarien und deren Auswirkungen
- Skalierbare Notfallpläne: Vorbereitung auf eine Bandbreite möglicher Szenarien statt auf ein einzelnes
- Stärkung der Cyber-Resilienz: Besonders für kleinere Unternehmen ein zentrales Handlungsfeld
- Sorgfältige Lieferantenbewertung: Abhängigkeiten frühzeitig identifizieren und Alternativen entwickeln
Versicherungsunternehmen kommt in diesem Zusammenhang eine zunehmend wichtige Rolle zu – nicht nur als Risikoabsicherer, sondern auch als Berater. Gerade kleinere Unternehmen können von der Expertise von Versicherern profitieren, um ihre Resilienz in Bereichen wie Cybersicherheit und Lieferkettenmanagement systematisch zu stärken und fundiertere Entscheidungen bei der Auswahl kritischer Partner zu treffen.
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