
Ein komplexes System zur Umgehung von Sanktionen – Das US-Justizministerium hat eine Reihe koordinierter Maßnahmen angekündigt, die sich gegen ein weit verzweigtes Täuschungs- und Cybercrime-Netzwerk richten. Im Mittelpunkt steht die Strategie Nordkoreas, durch falsche Remote-IT-Beschäftigung und Kryptowährungsdiebstähle Einnahmen zur Finanzierung des eigenen Waffenprogramms zu generieren – trotz internationaler Sanktionen.
Die jetzt offengelegten Fälle umfassen sowohl klassische Sozialingenieursmethoden wie Identitätsmissbrauch als auch hochentwickelte Cyberangriffe durch die bekannte nordkoreanische APT-Gruppe APT38.
Remote-IT-Fraud: 136 US-Unternehmen betroffen
Laut Gerichtsunterlagen unterstützten US- und ukrainische Mittelsmänner nordkoreanische IT-Fachkräfte dabei, sich mithilfe gestohlener oder gefälschter Identitäten bei US-Unternehmen als Remote-Worker auszugeben.
Kernpunkte des Modus Operandi:
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Nutzung gestohlener Identitäten von US-Bürgern
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Bereitstellung von in den USA gehosteten Endgeräten
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Installation von Remote-Access-Software ohne Genehmigung
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Umgehung von Background Checks, teils inklusive fingierter Drogentests
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Täuschung über den tatsächlichen Arbeitsort
Auswirkungen:
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136 kompromittierte Unternehmen
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2,2 Mio. US-Dollar Einnahmen für Nordkorea
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Identitätsdiebstahl von mehr als 18 US-Bürgern
Diese Vorgehensweise ist seit 2022 Gegenstand offizieller Sicherheitswarnungen, doch das Ausmaß der nun bestätigten Fälle markiert eine drastische Eskalation.
APT38: Millionenraub über Krypto-Plattformen
Parallel zu den Social-Engineering-Kampagnen führte die APT-Gruppe APT38 mehrere groß angelegte Kryptowährungsdiebstähle durch.
2023 verübte APT38 vier Angriffe auf Zahlungsdienstleister und Börsen, darunter Plattformen aus Estland, Panama und den Seychellen:
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37 Mio. US-Dollar (Estland, Juli 2023)
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100 Mio. US-Dollar (Panama, Juli 2023)
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138 Mio. US-Dollar (Panama, November 2023)
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107 Mio. US-Dollar (Seychellen, November 2023)
Insgesamt wurden Kryptowährungen im Wert von über 15 Mio. US-Dollar eingefroren – ein Betrag, der nun zivilrechtlich eingezogen und den rechtmäßigen Eigentümern zurückgeführt werden soll.
Stimmen aus dem US-Justizapparat
John A. Eisenberg, stellvertretender Generalstaatsanwalt für nationale Sicherheit, betont die zentrale Bedeutung der Maßnahmen:
„Diese Aktionen unterbinden Nordkoreas Versuche, sein Waffenprogramm auf Kosten amerikanischer Bürger zu finanzieren.“
Das FBI ergänzte, die Ermittlungen zeigten die Unerbittlichkeit nordkoreanischer Bemühungen, Sanktionen zu unterlaufen – und fordert Unternehmen zu erhöhter Wachsamkeit bei Remote-Onboarding-Prozessen auf.
Details zu den Schuldbekenntnissen
Südlicher Bezirk von Georgia: Drei US-Staatsbürger
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Audricus Phagnasay (24)
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Jason Salazar (30)
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Alexander Paul Travis (34)
Alle drei bekannten sich der Verschwörung zum Telekommunikationsbetrug schuldig. Sie:
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stellten ihre Identitäten zur Verfügung
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hosteten Unternehmenslaptops
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installierten Remote-Access-Software
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nahmen sogar stellvertretend Drogentests für nordkoreanische IT-Fachkräfte ab
Der Gesamtschaden: 1,28 Mio. US-Dollar.
District of Columbia: Identitätshändler Oleksandr Didenko
Der Ukrainer Didenko gestand den Handel mit gestohlenen Identitäten für IT-Fachkräfte, darunter Nordkoreaner.
Schadensbilanz:
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40 infiltrierte Unternehmen
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Hunderttausende Dollar an unrechtmäßig ausgezahlten Gehältern
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1,4 Mio. US-Dollar Rückzahlungen im Rahmen des Schuldbekenntnisses
Südlicher Bezirk von Florida: Erick Ntekereze Prince
Prince verschaffte über sein Unternehmen Taggcar Inc. zahlreichen ausländischen – teils nordkoreanischen – IT-Fachkräften Scheinanstellungen, obwohl diese falsche oder gestohlene Identitäten nutzten.
Ergebnis:
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89.000 US-Dollar persönliche Einnahmen
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64 infiltrierte Unternehmen
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943.069 US-Dollar Gesamtschaden
Weitere Komplizen stehen vor Gericht oder sind zur Auslieferung ausgeschrieben.
Einordnung: Nordkorea nutzt Remote-Arbeit als Devisenquelle
Nordkorea verdient laut US-Behörden jährlich Hunderte Millionen US-Dollar mit versteckten IT-Arbeitskräften. Einzelne Remote-Worker sollen bis zu 300.000 US-Dollar pro Jahr erwirtschaften – Gelder, die laut US-Regierung direkt an militärische Einrichtungen des Regimes fließen.
Warnungen und Empfehlungen für Unternehmen
Behörden warnen seit 2022 vor folgenden zentralen Indikatoren:
Frühwarnsignale
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Ungewöhnliche Netzwerkverbindungen zu asiatischen Zeitzonen
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Nutzerdaten, die geografisch inkonsistent sind
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Remote-Zugriffe über Proxy- oder gehostete Geräte
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Bewerber, die bereitwillig alternative Identitätsdokumente nutzen
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Social-Media-Profile mit erkennbaren Inhalten von „Identity Kits“
Empfohlene Maßnahmen
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Striktere Verifikation bei Remote-Onboarding
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Netzwerk-Monitoring auf Proxy- und VPN-Missbrauch
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Krypto-Wallet-Monitoring bei Unternehmen mit digitalen Assets
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Frühwarnsysteme für Account-Sharing und ungewöhnliche Login-Muster
Fazit: Neue Dimension staatlich gesteuerter Cyberkriminalität
Die nun bekannt gegebenen Fälle illustrieren, wie scharf vernetzt, hybrid und kommerzialisiert die Cyberoperationen Nordkoreas inzwischen sind.
Remote-Arbeit, Identitätsdiebstahl, Social Engineering und hochentwickelte Kryptodiebstähle verschmelzen hier zu einem strategischen Finanzierungsmodell für ein sanktioniertes Regime.
Für Unternehmen bedeutet das:
Remote-Work-Sicherheitsprozesse sind heute zentrale Bausteine der nationalen und wirtschaftlichen Sicherheit.
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