
Die globalen IT-Prognosen für das Jahr 2026 sind wieder voll von Buzzwords. Von KI über Edge Computing bis hin zu GreenOps werden überall scheinbar universelle Trends prognostiziert. Für europäische Unternehmen stellt sich jedoch die entscheidende Frage: Welche Entwicklungen sind tatsächlich handlungsrelevant? Mittelständler und Konzerne sollten ihren Fokus auf Sicherheit, Nachhaltigkeit und operative Souveränität legen, statt sich von Trendbegriffen blenden zu lassen. Das Ziel besteht darin, Technologien nicht nur einzuführen, sondern sie auch sicher, kontrollierbar und wertschöpfend in die Kernprozesse zu integrieren.
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Autonomes Cybersecurity Mesh & IT/OT-Konvergenz
Die klassischen, siloartigen Sicherheitsarchitekturen stoßen an ihre Grenzen. Unternehmen sehen sich zunehmend mit der Herausforderung konfrontiert, eine Vielzahl unterschiedlicher Security-Lösungen zu verwalten, die häufig isoliert voneinander arbeiten. Die Antwort lautet: Autonomous Cybersecurity Mesh. In diesem Modell agieren Security-Tools vernetzt, erkennen Bedrohungen proaktiv und reagieren autonom. Sie werden dabei durch Agentic AI unterstützt, die Bedrohungen selbstständig analysiert und priorisiert.
Parallel dazu erleben wir eine zunehmende Verschmelzung von IT- und OT-Umgebungen. Roboter, Sensoren und industrielle Steuerungen interagieren dabei direkt mit der Unternehmens-IT. Viele OT-Komponenten stammen jedoch aus einer Zeit, in der Sicherheitsaspekte kaum berücksichtigt wurden. Deshalb gewinnen Security-Konnektoren und die Integration von OT-Protokollen an Bedeutung, um kritische Schnittstellen zuverlässig abzusichern. Campus-Netzwerke, 5G- und 6G-Implementierungen sowie Edge-Szenarien erhöhen die Komplexität und erzeugen neue Angriffsflächen. Diese bleiben nur durch eine proaktive Sicherheitsarchitektur beherrschbar.
Ein weiterer entscheidender Trend ist die Quantum-Safe-Kryptografie. Finanz- und Behördenumgebungen müssen heute Verschlüsselungen auf Quantensicherheit prüfen, um vertrauliche Daten langfristig vor künftigen Quantenangriffen zu schützen. Unternehmen, die diesen Schritt frühzeitig angehen, sichern sich einen strategischen Vorsprung.
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KI-Evolution: Verticalized Small Language Models (vSLMs)
Der anfängliche Hype um generische Large Language Models (LLM) wie ChatGPT weicht einer pragmatischen, spezialisierten Nutzung. Für das Jahr 2026 zeichnet sich ein klarer Trend ab: Verticalized Small Language Models (vSLMs). Dabei handelt es sich um auf spezifische Fachgebiete zugeschnittene KI-Modelle, die lokal auf Edge-Geräten oder in souveränen Cloud-Umgebungen betrieben werden können. Sie ermöglichen präzise Analysen und Entscheidungen in Bereichen wie Recht, Medizin, Ingenieurwesen oder industriellen Prozesskontrollen – Aufgaben, die generische Modelle nicht zuverlässig erfüllen können.
Gleichzeitig adressiert KI das wachsende Problem des Wissensverlusts durch den demografischen Wandel. Expertenwissen, das durch das Ausscheiden von Mitarbeitenden verloren geht, kann mithilfe von KI in Vektordatenbanken gesichert und als „Corporate Brain” verfügbar gemacht werden. Dabei ist Governance entscheidend: Data Fabric und Data Mesh ermöglichen den kontrollierten Zugriff auf Daten über Systemgrenzen hinweg – etwa SAP, AWS oder Azure –, ohne die Compliance oder die Nachvollziehbarkeit der Trainingsdaten zu gefährden.
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GreenOps & FinOps: Nachhaltigkeit trifft Kontrolle
Nachhaltigkeit ist heute keine optionale Strategie mehr, sondern eine regulatorische und operative Pflicht. Da der Energiebedarf von KI- und IT-Infrastrukturen erheblich steigt, benötigen Unternehmen ein präzises Monitoring und eine entsprechende Steuerung. GreenOps ermöglicht die transparente Kontrolle des CO₂-Fußabdrucks, während Hybrid Cloud FinOps Kostentransparenz über On-Premise-, Cloud- und Edge-Workloads hinweg schafft. Das Ziel ist ein „Unified Finance“, das KI-gestützt entscheidet, wo Workloads am effizientesten und kostengünstigsten ausgeführt werden.
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Platform Engineering & Internal Developer Platforms (IDPs)
Die zunehmende Komplexität der Softwareentwicklung und der Fachkräftemangel machen Platform Engineering zu einem entscheidenden Faktor. Standardisierte und sichere Entwicklungsumgebungen, sogenannte „Golden Paths“, ermöglichen es Entwicklern, sofort produktiv zu arbeiten. Dadurch wird Schatten-IT reduziert und Governance-Richtlinien werden automatisch umgesetzt, ohne die Innovationskraft zu bremsen. Dadurch werden Effizienz, Sicherheit und Compliance gleichzeitig gesteigert und die Herausforderungen moderner Entwicklungsorganisationen direkt adressiert.
Digitale Souveränität als strategisches Asset
Auch 2026 bleibt digitale Souveränität ein zentrales Thema. Sie bedeutet keine Abschottung, sondern Wahlfreiheit: lokale Installationen, Edge-Computing oder Hyperscaler – jedoch stets unter klaren Governance-Vorgaben. Für europäische Unternehmen bedeutet das: weniger Experimente, mehr operative Exzellenz. Technologien wie KI, Edge und hybride IT/OT-Umgebungen müssen sicher, nachhaltig und gewinnbringend in Kernprozesse integriert werden. Dies muss durch Partner erfolgen, die die Komplexität dieser hybriden Welten beherrschen. Der europäische Mittelstand und Konzerne setzen 2026 auf kontrollierte Technologieintegration, industrielle Exzellenz und strategische Souveränität – Pragmatismus statt Hype.
Autoren sind Frank Strecker, CEO von Skaylink, Silvio Kleesattel, Technology & Innovation Lead, sowie Helmut Weiss, Cloud Architect
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