
Der Chaos Computer Club schließt sich einer Initiative an, die Menschen beim Wechsel von großen Tech-Konzernen zu alternativen Diensten unterstützt. An jedem ersten Sonntag im Monat bieten ehrenamtliche Helfer in zahlreichen deutschen Städten praktische Hilfe beim Umstieg auf datenschutzfreundlichere Plattformen und Software.
Gemeinschaftliche Initiative für digitale Unabhängigkeit
Gemeinsam mit mehreren Organisationen beteiligt sich der Chaos Computer Club an einer Kampagne, die Nutzer beim Abschied von kommerziellen Plattformen begleitet. Die Initiative setzt auf einen regelmäßigen Aktionstag, der Interessierte beim Umstieg auf freie oder weniger problematische Alternativen unterstützen soll.
Nach Einschätzung der Initiatoren haben sich die Machtverhältnisse im digitalen Raum zunehmend verschoben. Europäische Gesetzgebung stoße bei großen Plattformen auf begrenzte Akzeptanz, während politische und wirtschaftliche Interessen einzelner Tech-Unternehmer wachsenden Einfluss nehmen würden.
Plattformen als politisches Instrument
Am Beispiel von X (ehemals Twitter) zeigt sich laut CCC die Dynamik zentralisierter sozialer Netzwerke. Nach der Übernahme durch Elon Musk habe sich die Plattform strukturell verändert: Mechanismen zur Faktenprüfung seien zurückgebaut, Reichweiten neu justiert worden.
Die Europäische Union verhängte kürzlich Sanktionen gegen X wegen Verstößen gegen den Digital Services Act. Daraufhin habe die Plattform nach Beobachtung der Initiatoren EU-kritische Inhalte stärker verbreitet. Musk selbst äußerte sich für die Auflösung der EU. Wenige Tage später wurden Einreisebeschränkungen gegen den früheren EU-Kommissar Thierry Breton sowie Vertreter der Organisation HateAid verhängt, die systematisch illegale Inhalte auf der Plattform melden.
Die Vorgänge verdeutlichen nach Ansicht des CCC, dass es nicht nur um einzelne Dienste gehe, sondern um Einfluss auf öffentliche Diskurse und demokratische Abläufe.
Datennutzung und KI verstärken Abhängigkeiten
Kommerzielle soziale Netzwerke seien auf Aufmerksamkeit und Nutzerbindung ausgelegt, was nachweislich negative Auswirkungen haben könne – insbesondere bei jungen Menschen. Die gesammelten Daten zu Beziehungen und Interessen würden für Werbung und politische Beeinflussung genutzt.
Künstliche Intelligenz verstärke diese Entwicklung: Größere Datenmengen ließen sich automatisiert analysieren und wirtschaftlich verwerten. Auch Cloud-Dienste behandelten Nutzerdaten zunehmend als Ressource, um Abhängigkeiten zu vertiefen.
Netzwerkeffekt bewusst nutzen
WhatsApp, Instagram, X und Facebook generierten ihren Wert primär durch ihre Nutzer. Der Ausstieg falle oft schwer, weil Schulklassen, Freundeskreise und politische Debatten an einzelne Plattformen gebunden scheinen. Hier sehen die Initiatoren jedoch eine Chance: Wenn der Netzwerkeffekt bewusst genutzt werde, könnten neue Wege beschritten werden.
Konzept und Umsetzung
Beim 39. Chaos Communication Congress rief der Autor Marc-Uwe Kling zum Digital Independence Day auf. An jedem ersten Sonntag im Monat solle gemeinsam ein Schritt in Richtung alternativer Dienste erfolgen. Nutzer sollen zeigen, dass Alternativen funktionieren, und ihre Erfahrungen in sozialen Medien teilen.
„Nicht nur der Wechsel ist wichtig, wir müssen danach auch darüber sprechen. Am besten geben wir sogar damit an, dass wir uns von einem Big-Tech-Dienst befreit haben“, wird Kling zitiert.
Auf der Kampagnenseite werden Anleitungen für verschiedene Umstiegszenarien gesammelt. In vielen Städten stehen CCC-Freiwillige mit Beratung zur Verfügung – etwa beim Wechsel von Windows 10, WhatsApp oder Gmail zu alternativen Anbietern.
Erste Workshops am 4. Januar
Die ersten Veranstaltungen finden bereits am 4. Januar 2026 statt. In 15 Städten von Dresden bis Regensburg bieten lokale CCC-Gruppen Unterstützung an. Die Angebote reichen von Signal-Installation über Browser-Einstellungen bis zu Linux-Installationspartys.
Beispiele aus dem Programm:
- Berlin (CCCB): Hilfe beim Umzug von WhatsApp und kommerziellen sozialen Netzwerken, 14:00-17:00 Uhr
- Hamburg (CCCHH): Mini-Vorträge zu Smartphone-Einstellungen, Gmail-Alternativen und Browser-Settings, 14:00 Uhr bis open end
- München (muccc): Signal-Installation und -Tests, allgemeine Fragen, 15:00-17:00 Uhr
- Regensburg (Binary Kitchen): Linux-Auswahl und Installation mit Cyber-Security-Experten, 15:00-20:00 Uhr
Der zweite Aktionstag ist für den 1. Februar geplant, mit erweiterten Themenschwerpunkten wie Mastodon-Einführung, GrapheneOS-Installation oder Home-Assistant-Workshops.
Langfristige Perspektive
Die Initiative setzt auf Kontinuität: Jeden ersten Sonntag im Monat sollen die Workshops stattfinden. Alle regelmäßigen Termine werden auf der Kampagnenseite di.day gebündelt. Viele Standorte bieten flexible Formate mit Raum für individuelle Fragen und Themenwünsche.
Die Organisatoren betonen, dass sowohl Gesetzesdurchsetzung als auch individuelle Entscheidungen notwendig seien. Plattformen, die demokratischen Grundsätzen entgegenstehen oder nachweislich schaden, sollten verlassen werden.
Weitere Informationen: Alle Termine und Wechselanleitungen finden sich auf der Kampagnenseite di.day. Lokale CCC-Gruppen sind über die jeweiligen Standorte erreichbar.
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