
Deutschland führt europaweit die Liste der Länder an, die am häufigsten Nutzerdaten von großen Tech-Konzernen wie Apple, Google, Meta und Microsoft anfordern. Das zeigt der aktuelle Transparenzbericht des Cybersicherheitsunternehmens Surfshark. Demnach haben deutsche Behörden zwischen 2013 und Mitte 2024 rund 992.000 Nutzerkonten ins Visier genommen – mehr als jedes andere europäische Land.
Besonders auffällig ist der anhaltende Anstieg sogenannter Notfallanfragen, bei denen ohne richterlichen Beschluss Daten abgefragt werden können. Seit 2020 ist ihre Zahl in Deutschland kontinuierlich gewachsen – ein Trend, der Datenschützer zunehmend beunruhigt.
Global betrachtet liegen die USA mit einem Anteil von 33 Prozent aller Anfragen an der Spitze, gefolgt von Indien (21 %) und Brasilien (13 %). Deutschland belegt mit 8 Prozent Platz vier. Dahinter folgen Großbritannien (3,2 %), Frankreich (3,2 %), Südkorea (2,8 %), Polen (1,9 %), Spanien (1,2 %) und Italien (0,9 %). Insgesamt haben Behörden in 190 Ländern seit 2020 weltweit Daten zu rund 8,4 Millionen Nutzerkonten angefragt.
Notfallanfragen steigen sprunghaft an
Auffällig ist der deutliche Anstieg von Notfallanfragen, die gängige rechtliche Verfahren umgehen. Seit 2013 wurden in Notfällen 153.000 Anfragen zu Nutzerdaten gestellt. Allein im ersten Quartal 2024 wurden bereits 15.000 solcher Anfragen verzeichnet. In der ersten Hälfte des Jahres 2024 stellte Deutschland Notfallanfragen für 661 Nutzerkonten – verglichen mit 418 im ersten Halbjahr 2023 entspricht das einem Anstieg von 58 %.
„Notfallanfragen werden typischerweise in Situationen gestellt, in denen eine unmittelbare Gefahr für Leben oder schwere Verletzungen besteht, zum Beispiel bei Suizidandrohungen oder Amokläufen an Schulen. Besorgniserregend ist, dass solche dringenden Anfragen von Regierungen oder Strafverfolgungsbehörden häufig ohne richterliche Anordnung oder Vorladung gestellt werden, um schnell auf Nutzerdaten zuzugreifen und Schaden zu verhindern. Sollten Regierungen diese Methoden missbräuchlich anwenden – beispielsweise durch eine übermäßig weite Interpretation des Begriffs ‚Bedrohung‘ – könnte dies in Massenüberwachung, der Sammlung enormer Datenmengen und der Gefährdung fundamentaler Freiheiten resultieren“, äußert sich Goda Sukackaite, Datenschutzexpertin bei Surfshark.
Laut G. Sukackaite erfüllen Notfallanfragen eine wichtige Rolle beim Schutz von Leben und öffentlicher Sicherheit, erfordern jedoch eine sorgfältige Regulierung und Aufsicht, um individuelle Rechte zu schützen und Missbrauch zu verhindern.
Das Vereinigte Königreich stellt weltweit die meisten Notfallanfragen – mit 26 % (40.000 Konten) aller derartigen Anfragen. Deutschland belegt in Europa den dritten Platz bei den Notfallanfragen und ist weltweit mit einem Anteil von 2 % (3.000 Konten) vertreten.
Google, Microsoft und Apple veröffentlichen Zahlen zu erhaltenen Notfallanfragen, während Meta diese nicht separat ausweist. Google erhielt 85 % aller Notfallanfragen und war zwischen 2013 und 2015 das einzige Unternehmen, das diese berichtete. 2013 erhielt Google 392 Anfragen; 2023 waren es bereits 25.500. Apple machte 10 % der Notfallanfragen aus, Microsoft 5 %. Beide Unternehmen zeigen ähnliche Trends wie Google.
Mehr Anfragen – höhere Kooperationsraten von Big Tech
Laut den neuesten Daten fordern Regierungen mehr Nutzerdaten an als je zuvor. 2020 wurden insgesamt 1,3 Millionen Konten angefragt. 2023 lag diese Zahl bereits bei 2,1 Millionen – ein Anstieg um 63 %. Das erste Halbjahr 2024 deutet auf ein weiteres Rekordjahr hin. US- und EU-Behörden stellen die meisten Anfragen und sind für 55 % aller angefragten Konten von 2013 bis Mitte 2024 verantwortlich.
Zwischen 2013 und 2021 lag die durchschnittliche Kooperationsrate bei 70 %. Von 2022 bis Mitte 2024 stieg sie auf durchschnittlich 78 %. Einzelergebnisse der Unternehmen in Deutschland:
- Google erhielt 337.919 Anfragen und erfüllte 250.074 davon – eine Kooperationsrate von 74 %.
- Meta erhielt 215.942 Anfragen und kam 138.015 nach – eine Kooperationsrate von 64 %.
- Apple erhielt 11.712 Anfragen, davon wurden 7.894 erfüllt – eine Kooperationsrate von 67 %.
- Microsoft erhielt 107.029 Anfragen und kam 67.402 nach – eine Kooperationsrate von 63 %.
Die vollständige Methodik dieser Studie ist hier einsehbar.
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