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Deutsche Wirtschaft unzureichend auf hybride Bedrohungen vorbereitet

11. Februar 2026

Eine aktuelle Unternehmensbefragung des Digitalverbands Bitkom offenbart erhebliche Schwachstellen in der Krisenvorsorge deutscher Firmen. Während die Mehrheit mit zunehmenden hybriden Angriffen rechnet, sieht sich kaum ein Unternehmen ausreichend gewappnet. Besonders die Abhängigkeit von funktionierender Internetinfrastruktur könnte zum Risikofaktor werden.

Geschäftsbetrieb steht binnen eines Tages still

Im Durchschnitt können deutsche Unternehmen ihren Betrieb lediglich 20 Stunden aufrechterhalten, sollte das Internet ausfallen. Jedes fünfte Unternehmen (21 Prozent) müsste seine Tätigkeit sofort einstellen. Nur acht Prozent der Befragten gehen davon aus, länger als 48 Stunden ohne Internetverbindung arbeiten zu können.

Die Zahlen stammen aus einer repräsentativen Erhebung unter 604 Unternehmen ab zehn Mitarbeitern, die im Auftrag des Bitkom durchgeführt wurde. Die Studie wurde im Vorfeld der Münchener Sicherheitskonferenz und der Munich Cyber Security Conference präsentiert.

Mehrheit rechnet mit Eskalation der Sicherheitslage

Drei Viertel der befragten Unternehmen (74 Prozent) sehen aufgrund der angespannten Beziehungen zwischen Russland und der NATO eine erhöhte Gefahr durch hybride Angriffe. 83 Prozent erwarten eine ernsthafte Krise in Deutschland als Folge solcher Attacken. Mehr als die Hälfte (53 Prozent) hält eine militärische Auseinandersetzung zwischen Russland und der NATO innerhalb der nächsten fünf Jahre für möglich.

Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst verweist auf konkrete Vorfälle: „Anfang Januar waren nach einem Anschlag über 100.000 Menschen in Berlin bei Minustemperaturen tagelang ohne Strom, mehr als 2.000 Unternehmen waren betroffen.“ Derzeit bewerten 73 Prozent der Unternehmen Deutschland im internationalen Vergleich als unzureichend auf hybride Angriffe vorbereitet.

Kritische Infrastrukturen im Fokus

Als besonders gefährdet gelten nach Einschätzung der Unternehmen:

  • Energieversorgung: 90 Prozent
  • Banken und Versicherungen: 89 Prozent
  • Wasser- und Abwasserversorgung: 77 Prozent
  • Lebensmittelversorgung: 67 Prozent
  • Gesundheitswesen: 65 Prozent
  • Telekommunikation und IT: 64 Prozent

Die größten Auswirkungen auf den eigenen Betrieb hätten erfolgreiche Attacken auf die Energieversorgung (97 Prozent), das Finanzwesen (88 Prozent) sowie Telekommunikation und IT (85 Prozent). Wintergerst identifiziert diese Bereiche als „neuralgische Punkte der deutschen Wirtschaft“ und fordert strengere Sicherheitskonzepte für kritische Infrastrukturen.

Große Lücke zwischen Bewusstsein und Vorbereitung

Obwohl 59 Prozent der Unternehmen es für wahrscheinlich halten, selbst Ziel hybrider Angriffe zu werden, stuft sich kein Unternehmen als sehr gut vorbereitet ein. Lediglich zwölf Prozent bezeichnen ihre Vorbereitung als eher gut. 38 Prozent sehen sich eher schlecht vorbereitet, weitere 40 Prozent geben an, gar nicht vorbereitet zu sein.

Bei 61 Prozent der Unternehmen ist der Schutz vor hybriden Angriffen Chefsache. Dennoch plant mehr als ein Drittel (35 Prozent) erst noch, entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Fünf Prozent haben dies nicht vor.

Konkrete Schutzmaßnahmen nur teilweise umgesetzt

Die Unternehmen haben verschiedene Vorsorgemaßnahmen getroffen, allerdings fehlt ein umfassender Schutz:

  • Alternative Kommunikationsmittel: 58 Prozent (Planung: 27 Prozent)
  • Getestete Daten-Backups: 57 Prozent (Planung: 15 Prozent)
  • Homeoffice-Regelungen/Ausweicharbeitsplätze: 51 Prozent (Planung: 25 Prozent)
  • Notstromversorgung: 20 Prozent (Planung: 30 Prozent)
  • Zusätzliche Lagerhaltung: 28 Prozent (Planung: 17 Prozent)
  • Krisen- oder Notfallmanagement: 28 Prozent (Planung: 25 Prozent)
  • Regelmäßige Krisenübungen: 10 Prozent (Planung: 26 Prozent)
  • Vereinbarungen mit alternativen Lieferanten: 16 Prozent (Planung: 32 Prozent)

Wintergerst betont: „Einen Notfallplan braucht jedes Unternehmen, er entscheidet über die Handlungsfähigkeit in den wichtigen ersten Stunden.“

Personalengpässe im Krisenfall

Im Fall einer militärischen Auseinandersetzung könnten viele Beschäftigte fehlen, die beim Zivilschutz oder der Bundeswehr tätig sind. Nur 30 Prozent der Unternehmen haben einen guten Überblick über Mitarbeiter im Zivilschutz, lediglich 20 Prozent wissen um Bundeswehr-Zugehörigkeiten. Unternehmen, die eine Schätzung abgeben können, gehen von durchschnittlich neun Prozent ihrer Belegschaft aus, die im Krisenfall fehlen würde.

Investitionen sollen steigen

Vier von zehn Unternehmen (37 Prozent) planen höhere Investitionen in die Krisenvorsorge. Neun Prozent wollen in diesem Jahr deutlich mehr ausgeben, 28 Prozent eher mehr. 44 Prozent planen unveränderte Investitionen. Kein Unternehmen will die Ausgaben reduzieren, allerdings treffen fünf Prozent keinerlei Vorsorge.

Informationsdefizit bei staatlichen Stellen

Nur 22 Prozent der Unternehmen fühlen sich aktuell ausreichend durch Sicherheitsbehörden informiert. Gleichzeitig erwarten 80 Prozent im Krisenfall die verlässlichsten Informationen von staatlichen Stellen wie dem BSI oder dem Katastrophenschutz. Weitere vertrauenswürdige Quellen sind:

  • Öffentlich-rechtlicher Rundfunk: 73 Prozent
  • Private Medien: 67 Prozent
  • Internationale Organisationen (NATO, EU): 63 Prozent
  • Branchenverbände: 60 Prozent
Forderungen an die Politik

Die Unternehmen erwarten von der Politik konkrete Maßnahmen:

  • Staatliche Informationskampagne: 71 Prozent
  • Verpflichtende Sicherheitsstandards mit praxisnahen Leitlinien: 79 Prozent
  • Förderprogramme für Sicherheitsmaßnahmen: 68 Prozent
  • Öffentliche Benennung hybrider Angreifer: 62 Prozent
  • Förderung der deutschen Sicherheitsindustrie: 54 Prozent
  • Lagebild zu hybriden Angriffen: 50 Prozent
  • Regelmäßige bundesweite Übungen: 49 Prozent

60 Prozent befürworten Cyberangriffe der Bundeswehr gegen feindliche Hackergruppen, 58 Prozent die Ausweitung von Überwachungsbefugnissen im digitalen Raum. 49 Prozent sprechen sich dafür aus, massive Cyberangriffe auf NATO-Staaten wie militärische Angriffe zu behandeln.

Wintergerst schlägt vor, sich an Ländern zu orientieren, die in diesem Bereich weiter entwickelt sind: „Wir sollten uns an den Staaten orientieren, die dabei schon weiter sind als wir, etwa in Skandinavien.“

Einschätzung der allgemeinen Vorbereitung

Bei der Bewertung verschiedener Bereiche sehen die Unternehmen folgende Institutionen als gut vorbereitet:

  • Polizei: 60 Prozent
  • Bundeswehr: 52 Prozent
  • Wirtschaft allgemein: 39 Prozent
  • Krankenhäuser und Ärzte: 38 Prozent
  • Öffentliche Verwaltung: 32 Prozent
  • Bevölkerung: 29 Prozent

Die vollständigen Studienergebnisse sind im Bitkom-Dataverse verfügbar.

Methodik: Die Studie basiert auf einer Befragung von 604 Unternehmen ab 10 Beschäftigten in Deutschland, durchgeführt im Auftrag des Digitalverbands Bitkom.

Bitkom: