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Der Wettbewerbsvorteil dezentraler Identität im europäischen Finanzwesen

18. November 2025

Das 2014 eingeführte ursprüngliche eIDAS-Rahmenwerk zielte darauf ab, Konsistenz bei digitaler Identifikation und Vertrauensdiensten zu schaffen. Es ermöglichte digitale Signaturen und die grenzüberschreitende Anerkennung von Identitäten, allerdings zunächst nur für öffentliche Dienste. Finanzinstitute waren daher bislang weitgehend auf eigene Identitätsverifikationsprozesse angewiesen. Mit eIDAS 2.0 ändert sich das nun. Es führt das European Digital Identity (EUDI) Wallet ein und erweitert die gesetzlichen Verpflichtungen auf private Anbieter, darunter auch Finanzinstitute.

Mithilfe dieses Wallets können Bürger und Unternehmen digitale Identitätsnachweise wie Altersnachweise, Wohnsitznachweise, Bankdaten oder Bildungszeugnisse sicher speichern und gezielt teilen. Die Neuerung liegt in der Verbindung von Identität und Authentifizierung in einem sicheren, interoperablen Ökosystem: eIDAS 2.0 schafft eine neue Grundlage für nahtlose, sichere und nutzerzentrierte Interaktionen zwischen Bürgern, Behörden und Unternehmen. Pilotprogramme in mehreren EU-Mitgliedstaaten zeigen bereits, dass sich durch die Kombination von Zahlungs- und Identitätsfunktionen im Wallet Betrugsfälle im Zahlungsverkehr signifikant reduzieren lassen. Für Finanzdienstleister bedeutet das: eIDAS 2.0 ist weit mehr als ein reines Compliance-Thema – es betrifft direkt das Kundenerlebnis, das Vertrauen und das Risikomanagement.

Bis 2030 sollen etwa 80 % der EU-Bevölkerung Zugang zu einem EUDI-Wallet haben. Damit etabliert sich ein neues Paradigma: eIDAS 2.0 setzt auf dezentrale Identität und stellt den Nutzer in den Mittelpunkt. Anstelle sensibler Daten, die auf Provider-Servern liegen, befinden sich die verifizierten Nachweise in den Händen der Nutzer selbst. Diese teilen nur die erforderlichen Informationen – abgesichert durch kryptografische Beweise. Das Ergebnis sind ein schnelleres Onboarding, ein geringeres Betrugsrisiko, Identitätsportabilität über Grenzen hinweg und eine konsistente Nutzererfahrung – online, offline und vor Ort.

Dezentrale Identität: Ein neues Modell entsteht

Beim traditionellen Modell werden Identitätsdaten bei Diensten oder zentralen Autoritäten gespeichert. Das kann zu Duplikationen, Kontrollverlust und fragmentierten Nutzererfahrungen führen. Das dezentrale Identitätsmodell funktioniert anders. Nutzer halten ihre Nachweise selbst und geben nur die jeweils erforderlichen Mindestdaten preis – alles kryptografisch belegt. Der EUDI Wallet basiert auf den offenen Standards Verifiable Credentials (VC) und Decentralized Identifiers (DID).

Ein entscheidender Vorteil besteht darin, dass dieselbe verifizierte Aussage – etwa ein Alters- oder Wohnsitznachweis – sowohl online als auch offline genutzt werden kann. Das schafft Konsistenz und Vertrauen in allen Kanälen. Finanzdienstleister profitieren davon, dass sie nur autorisierten Zugriff auf gezielt freigegebene Informationen erhalten. Die Dynamik des Marktes bestätigt diese Entwicklung: Der globale Markt für dezentrale Identitätslösungen wurde 2023 auf über eine Milliarde US-Dollar geschätzt und soll bis 2032 mit einer jährlichen Wachstumsrate von über 70 Prozent expandieren. Dies verdeutlicht, dass sich das Thema von einem Nischentrend zu einem zentralen Baustein digitaler Ökosysteme entwickelt hat.

Die Möglichkeiten sind vielfältig: Transformation im Finanzwesen

eIDAS 2.0 ist mehr als nur Compliance, es ist ein Hebel für Innovation. Anstelle langwieriger Dokumentprüfungen können Nutzer ihre verifizierten Identitätsattribute unmittelbar teilen und so das Onboarding innerhalb weniger Minuten statt innerhalb mehrerer Tage abschließen. Staatlich ausgestellte, mobile digitale Ausweise mit kryptografischer Validierung senken das Risiko von Identitätsbetrug erheblich. Dank der gegenseitigen Anerkennung von Identitäten in der EU können Banken ihre Dienstleistungen künftig grenzüberschreitend anbieten, ohne für jeden Markt neue Verifizierungen durchführen zu müssen. Dies vereinfacht regulatorische Prozesse und eröffnet neue Geschäftsmöglichkeiten. Darüber hinaus bietet die EUDI Wallet Potenzial für die Integration von Blockchain-, KI- und Smart-Contract-Technologien, beispielsweise für automatisierte KYC-Prozesse, Echtzeit-Berechtigungsprüfungen oder die Einbindung in zukünftige CBDC-Wallets. Die Vorteile für Finanzinstitute sind klar: Onboarding in Minuten statt Tagen, reduzierter Betrug durch verifizierte Wallet-Credentials und stärkere Datenschutzkontrolle in den Händen der Nutzer. Für Banken, die früh handeln, entsteht so ein messbarer Wettbewerbsvorteil durch Vertrauen, Effizienz und Nutzerzentrierung.

Ein Gewinn für Verbraucher: Datenschutz, Kontrolle und Einfachheit

Der EUDI Wallet ist eine echte Revolution für Verbraucher. Anstatt alle persönlichen Daten preiszugeben, können sie nur die notwendigen Informationen teilen. Durch das Prinzip der selektiven Offenlegung und Pseudonymität ist Datenschutz von Anfang an integriert. Nutzer behalten stets die Kontrolle darüber, welche Daten sie mit wem teilen und können diese Berechtigungen jederzeit widerrufen.

Gleichzeitig wird der Komfort erheblich gesteigert: Vom Kreditvertrag bis zur digitalen Unterschrift erhalten Verbraucher nahtlosen, sicheren Zugang zu Services, ohne dass sie Daten mehrfach eingeben müssen. Dieses „Privacy by Design“-Prinzip ermöglicht es Finanzdienstleistern, Kundeninteraktionen vollständig neu zu denken – nutzerzentriert statt compliancegetrieben. Identität wird so zum strategischen Enabler für personalisierte Services, vertrauensvolle Beziehungen und nachhaltige Kundenerlebnisse. Institute, die diese Denkweise verinnerlichen, schaffen Differenzierung im Markt und stärken gleichzeitig das Markenvertrauen und die Loyalität.

Betrug bekämpfen: KI-Angriffe unterbinden

Während Datenschutz und Nutzerfreundlichkeit im Fokus stehen, adressiert eIDAS 2.0 auch ein zentrales Sicherheitsproblem unserer Zeit: die zunehmenden Cyberangriffe durch generative und adversarielle KI. Angreifer nutzen Deepfakes oder KI-generierte Identitätsdaten, um Systeme zu täuschen. Durch die Verlagerung sensibler Identitätsdaten von zentralen Servern hin zum Wallet wird die Angriffsfläche jedoch drastisch verkleinert. Zudem ermöglicht das Modell eine Out-of-Band-Authentifizierung: Kritische Transaktionsschritte laufen außerhalb des Hauptsystems, was Betrugsversuche weiter erschwert. Biometrische Verfahren, die mit Fake-Erkennungstechnologien gekoppelt sind, erhöhen die Sicherheit zusätzlich. So entsteht ein robuster, dezidiert nutzerkontrollierter Sicherheitsrahmen, der nicht nur Betrug reduziert, sondern auch das Vertrauen in digitale Prozesse stärkt. Finanzinstitute können die Risikoerkennung und -prävention entlang der gesamten Customer Journey gezielt verstärken – dort, wo der Schutz am wichtigsten ist.

IAM: der strategische Enabler

Um diese Vision umzusetzen, reicht eine Strategie allein nicht aus – es sind leistungsfähige Identity-and-Access-Management-(IAM)-Systeme erforderlich. Sie bilden die Schnittstelle zwischen dem EUDI-Wallet und Backend-Systemen, ermöglichen eine sichere Authentifizierung und Identitätsprüfung und erlauben die Verwaltung von Einwilligungen. Moderne IAM-Lösungen erlauben eine selektive Offenlegung und integrierte Vertrauensflüsse über Grenzen hinweg. Zudem unterstützen sie bestehende Anwendungen (z. B. Single Sign-On) über Protokolle wie SIOPv2, OpenID4VP und OpenID4VCI. Mithilfe dieser Technologien ist es möglich, Wallets nativ in Bankarchitekturen einzubinden und neue Funktionen zu nutzen. Zweckorientierte IAM-Lösungen sind somit die Grundlage, um eIDAS 2.0 nicht nur zu erfüllen, sondern auch als echten Wettbewerbsvorteil zu nutzen. Die Botschaft ist klar: Compliance ist Pflicht, Führung eine Wahl. Wer früh handelt, kann operative Komplexität reduzieren, neue Kunden gewinnen und die Zukunft der digitalen Finanzwelt aktiv mitgestalten.

Autor ist Henning Dittmer, RVP DACH bei Ping Identity

Bild/Quelle: https://depositphotos.com/de/home.html

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